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Aus dem AFET

„Gesundes Aufwachsen in Familien mit psychisch kranken Eltern."

 Unter diesem Titel veranstaltete der AFET - wissenschaftlich begleitet durch Prof. Dr. Albert Lenz vom Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen - am 05. Dezember 2012 eine Fachtagung.
Zu Fragen der Gestaltung und Finanzierung von Kooperationen und Schnittstellen zwischen den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe und der Gesundheitsförderung trugen ExpertInnen aus der Wissenschaft, Erwachsenenpsychiatrie, Psychotherapie, der Kinder- und Jugendhilfe und dem Sozialpsychiatrischen Dienst vor. Im Anschluss an die Vorträge diskutierten VertreterInnen des Deutschen Bundestages und der Gesundheitsministerkonferenz über die vorgetragenen Vorschläge zu möglichen gesetzlichen Änderungen.
Kinder psychisch kranker Eltern unterliegen einem erhöhten Risiko im Laufe ihres Lebens selbst psychisch zu erkranken. Sie bekommen in der Regel erst dann Unterstützung, wenn sie selbst auffällig werden oder erkranken.  

Um gesund in Familien mit psychisch kranken Eltern aufwachsen zu können, bedarf es - so die ExpertInnen - individuell ausgerichteter Hilfen und Angebote im Bereich der Prävention, Behandlung und Therapie. Ein frühzeitiges Erreichen der Familien und eine ganzheitliche Unterstützung würden in vielen Fällen eine ungünstige Entwicklung der Kinder verhindern, das Kindeswohl sichern und die Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Elternschaft unterstützen.

Modellhaft durchgeführte Projekte zeigen, dass es möglich ist, mit multiprofessionellen Arbeitsteams Hilfen und präventive Angebote rechtzeitig und für die gesamte Familie erfolgreich anzubieten. Anknüpfend an die Erkenntnisse aus solchen Projekten und aus der Wissenschaft stellten die geladenen ReferentInnen und ExpertInnen ihre Vorschläge und Anregungen für die zukünftige Gestaltung der Angebote der Prävention, Behandlung und Therapie vor:  

Bezüglich der Prävention wurden eine systematische Berücksichtigung der Kinder (als Angehörige) in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung der Erwachsenen sowie die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse gefordert. Eine routinemäßige Erfassung von Informationen über die Situation der Kinder im Rahmen der stationären Aufnahme und im Kontext der Entlassung eines erkrankten Elternteils verknüpft mit flankierenden präventiven Angeboten haben sich in einigen Modellprojekten bewährt.

Peter Lehndorfer - Vertreter der Bundespsychotherapeutenkammer - regte dazu an, präventive psychotherapeutische Leistungen für Kinder psychisch kranker Eltern im SGB V gesetzlich zu verankern. Mehrmals gefordert wurde eine politische Verständigung über ein Bundespräventionsgesetz.  

Explizit zur stationären Behandlung und Therapie ist eine geregelte Finanzierung von mindestens einem Familiengespräch in der Klinik mit dem Patienten, dem/den Kind/ern und dem/der Partner/in vorgeschlagen worden. Birgit Averbeck, Vertreterin des öffentlichen Jugendhilfeträgers, forderte die Integration von Sprechstunden und Beratungen durch die Jugendhilfe in die psychiatrischen Kliniken als Regelangebot. Sie sprach sich ebenfalls dafür aus, die tagesklinischen Plätze in ihrer Zeitstruktur so einzurichten, dass die Mütter das Angebot auch ohne weitere Schwierigkeiten annehmen könnten.  

Es wurde eine stärkere Vernetzung zwischen der Jugendhilfe und der Psychiatrie des Erwachsenenalters gefordert. Eine Verpflichtung zur Gründung regionaler interdisziplinärer Netzwerke unter Mitwirkung von Jugendämtern, Gesundheitsämtern, Kliniken, Kinder- u. Jugendpsychiatrien, niedergelassenen Psychiatern, Familienhebammen, Frühförderung, Kitas und Schulen sowie verbindliche Vereinbarungen zur Arbeit von regionalen Netzwerken würden den ganzheitlich ausgerichteten Versorgungs- und Unterstützungsaspekt praktisch untermauern. Wichtig dabei sei eine neue gesetzliche Regelung im SGB V zur (finanziellen) Absicherung der Arbeit von regionalen Netzwerken zur Förderung der Gesundheit und des Kindeswohls.  

Die Netzwerkarbeit kann erst dann effizient sein, wenn sie mit der Fallberatung und -arbeit durch verbindliche Kooperationsverträge verbunden wird. Nur in solcher Form können komplexe Hilfen, so Antje Arnolds vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises Mettmann, nachhaltig gestaltet werden.

Eine der Anregungen aus der Praxis war eine gesetzliche Verpflichtung zur Zusammenarbeit und Qualitätsentwicklung der Systeme Jugendhilfen und Gesundheitsförderung. Prof. Dr. Lenz hat in seinem Vortrag empfohlen, die Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften im SGB V (analog dem § 81 SGB VIII) zu verankern, um die Qualität der Vernetzungs- und Zusammenarbeit verbindlicher zu gestalten. Dr. Christiane Hornstein regte als Vertreterin der Erwachsenenpsychiatrie und Leiterin eines Mutter-Kind-Projektes dazu an, den Einsatz von und die Kooperation mit den Familienhebammen unter dem Aspekt der besonderen Bedarfe von Eltern mit psychischen Erkrankungen auf der Fachebene zu reflektieren. 

In der Kinderschutzarbeit, die spätestens nach dem Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes auch im Gesundheitsbereich stattfindet, müsste ein Anspruch auf anonymisierte Einzelfallberatung (analog dem KKG) geschaffen werden. Birgit Averbeck forderte die Implementierung und geregelte Finanzierung einer wechselseitigen anonymisierten Einzelfallberatungen für Fachkräfte der Jugendhilfe zu Fragen psychiatrischer Krankheitsbilder und für Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Behindertenhilfe zu Fragen des Kinderschutzes und der Jugendhilfe.  

Resümierend wurde vorgeschlagen, anstelle von fachlichen und finanziellen Abgrenzungsbemühungen und einem Gerangel um Zuständigkeiten z.B. ein gemeinsames Casemanagement der verschiedenen Hilfesysteme „aus einer Hand“ verbindlich zu implementieren. Die Federführung müsste bei einer Institution liegen, die Anlaufstelle für die Familie ist.  

Bei der aktuellen Sozialgesetzgebung sind integrierte Hilfen für Familien mit psychisch kranken Eltern aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungssysteme bisher kaum möglich. Es müssten, so die ExpertInnen, Formen der Mischfinanzierung gefunden werden.
Notwendig sei ebenfalls die Bündelung von Hilfen und die Einrichtung eines „Finanzierungspools“ unter Beteiligung der Kranken- und Rentenversicherungsträger sowie der Jugend- und Sozialhilfeträger.  

Zu den gesetzgeberischen Forderungen positionierten sich die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion - Eckhard Pols (CDU - Bundestagsfraktion), Marlene Rupprecht (SPD - Bundestagsfraktion), Katja Dörner (Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Martina Bunge (Bundestagsfraktion Die Linke) und Dr. Claudia Wein für die Gesundheitsministerkonferenz. Dabei wurden sehr unterschiedliche Positionen deutlich. Die Spannbereite der politischen Statements umfasste gutes Detailwissen und einen erkennbaren Gestaltungswillen zur Beseitigung der identifizierten Schnittstellenprobleme aber auch die Einschätzung einer durchaus intakten Versorgung und funktionierender Rahmenbedingungen der beteiligten Sozial- und Gesundheitsgesetzbücher. Der politische Gestaltungswille ist kurz vor Beginn eines Bundestagswahljahres auch deutlich von Finanzierungsfragen begleitet.

Der AFET wird an der Notwendigkeit der gesetzgeberischen Verbesserung der Rahmenbedingungen und Schnittstellen „dranbleiben“!

Nachstehend finden Sie die Präsentationen der Fachtagung:

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